loyal-Ausgabe März 2025
Kontinentalverschiebung
Editorial von Chefredakteur André Uzulis
Vor etwa 150 Millionen Jahren öffnete sich der Atlantik und zerriss den Ur-Kontinent Pangäa. Seitdem entfernen sich Amerika und Europa voneinander, aktuell mit etwa 1,5 Zentimetern pro Jahr. In der Politik fand die Kontinentalverschiebung zwischen den USA und Europa in nur gut 30 Tagen statt. Zwischen der Amtseinführung von Donald Trump als US-Präsident und dem Ende der westlichen Welt, wie wir sie seit 80 Jahren kannten, lag nicht mal ein Monat. Was die Demokratien diesseits und jenseits des Atlantiks ausmacht, zerreißt Trump mit einer Konsequenz, die nur mit einer Kontinentalverschiebung verglichen werden kann.
Dabei zeigt er ein bemerkenswertes Maß an Zerstörungswillen. Trump macht die Ukraine vom Opfer zum Täter. Das ist so, als hätte ein US-Präsident 1939 den Polen die Schuld am Überfall durch Nazideutschland gegeben, weil sie es nicht verstanden hätten, einen „Deal“ mit Hitler auszuhandeln. Dass Trump den ukrainischen Präsidenten Selenskyji als Diktator bezeichnet, der „ohne Wahlen“ regiere, ist eine Frechheit. Es entspricht der ukrainischen Verfassung, dass während eines Krieges keine Wahlen stattfinden. Im Übrigen waren selbst in der ältesten Demokratie der Welt, in Großbritannien, im Zweiten Weltkrieg die Wahlen ausgesetzt. Premierminister Winston Churchill war deshalb noch lange kein Diktator.
Trump übernimmt 1:1 die Ansichten und die Sprache des wahren Diktators und Menschenschlächters Wladimir Putin aus Moskau. Das ist die eigentliche Zäsur dieser Tage. Warum Trump das tut, ist ein Rätsel. Der amerikanischen Staatsräson dient seine Speichelleckerei jedenfalls nicht. Schon tauchen Gerüchte auf, dass Putin irgendetwas gegen Trump in der Hand hat. Man kann sich gar nicht ausmalen, was das für die Welt bedeuten würde, wenn es stimmte. Mindestens aber hat der psychologisch geschulte ehemalige KGB-Agent Putin in seinem Telefonat mit Trump diesem derart Honig ums Maul geschmiert, seinen Narzissmus bedient, seine Charakterlosigkeit und seine intellektuelle Schlichtheit ausgenutzt, dass Trump nun wie eine Sprechpuppe Moskaus wirkt.
Die weltpolitische Kontinentalverschiebung hat für die Ukraine existenzielle Folgen. Womöglich auch für Europa. Der alte Kontinent hat jahrelang Zeit gehabt, sich unabhängiger von den USA zu machen. Trumps Geisterfahrertum ist ja nicht neu. Stattdessen verzwergen sich die Europäer, wo sie nur können. Während China und die USA die mächtigste Technologie des 21. Jahrhunderts, die Künstliche Intelligenz, entfesseln, fällt Brüssel dazu nur ein Regulierungsgesetz ein. Europa trägt mit einem zweifelhaften „Green Deal“ seine Industrie zu Grabe, vor allem die deutsche Automobilindustrie. Innerhalb Europas ist Deutschland der Spitzenreiter der Selbstverzwergung. Berlins absurde Energiepolitik, der kein einziger Staat folgt, eine irrationale und fahrlässige Migrationspolitik, eine feministische Außenpolitik, ein hypermoralisches Auftreten auf internationalem Parkett, fehlendes Selbstbewusstsein im internationalen Dekolonialisierungsdiskurs: All das hat dazu beigetragen, dass Deutschland international nicht mehr ernst genommen wird.
In Europa fehlt es an einer Führungspersönlichkeit – früher sagte man: Staatsmann. Ein Politiker, der den Kontinent eint und Trump und Putin die Stirn bietet. In Frankreich regiert ein längst ausgebrannter Präsident. In Deutschland wurde zuletzt der Niedergang von einem führungsschwachen und visionslosen Kanzler mit seinem ideologiegetriebenen Kabinett noch beschleunigt. Die Augen richten sich nun auf die Regierungsbildung in Berlin. Jemand, der die Sache mit den USA und Russland beherzt in die Hand nimmt, wäre jetzt dringend nötig.