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Schlacht­feld Er­in­ne­rung: Kampf um die Ge­schich­te im Hürt­gen­wald

Hürt­gen­wald – mit dem Ort in der Nord­ei­fel ver­bin­den viele ge­schichts­in­ter­es­sier­te Men­schen eine der grö­ß­ten Schlach­ten zum Ende des Zwei­ten Welt­kriegs. Heute wird in der Re­gi­on um eine an­ge­mes­se­ne Er­in­ne­rungs­kul­tur ge­kämpft.

Sym­bol­bild: Ge­den­ken auf einem Sol­da­ten­fried­hof. Die Auf­nah­me ent­stand in Eger.

Foto: Volks­bund/Uwe Zuc­chi

Ge­den­kenHürt­gen­wald

Ein Rechts­an­walt, der gegen die Fried­hofs­ord­nung von Kriegs­grä­ber­stät­ten im Hürt­gen­wald klagt, der Um­gang mit Ge­schichts­ta­feln, die Rolle einer Re­ser­vis­ten­ka­me­rad­schaft und der lange Schat­ten der Wehr­macht – all dies sind die Zu­ta­ten für diese Ge­schich­te über einen Wand­lungs­pro­zess im Um­gang mit der Ver­gan­gen­heit.

Dies ist ein aus­führ­li­cher und viel­schich­ti­ger Bei­trag. Eine Zu­sam­men­fas­sung mit den wich­tigs­ten As­pek­ten sind hier im Video zu sehen:

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Die Klage gegen die Fried­hofs­ord­nung

Der Rechts­an­walt, der gegen die Fried­hofs­ord­nung des Krei­ses Düren klagt, heißt Ingve Björn Stjer­na. Er wen­det sich in einer E-Mail im Fe­bru­ar 2023 an die Re­dak­ti­on von loyal. Darin stellt er sich als ehe­ma­li­ger An­ge­hö­ri­ger der Fall­schirm­jä­ger­trup­pe vor. Er gibt an, sich mit der ei­ge­nen Fa­mi­li­en­ge­schich­te zu be­fas­sen. Seit 2016 for­sche er nach dem Ver­bleib sei­ner Gro­ßvä­ter. Einer sei an der Ost­front in Russ­land, der an­de­re bei den Kämp­fen um den West­wall ge­fal­len. Die­ser An­ge­hö­ri­ge liege auf einem Sol­da­ten­fried­hof bei Bit­burg be­gra­ben. Als er sich mit den Kämp­fen im Hürt­gen­wald be­schäf­ti­ge, stieß Rechts­an­walt Stjer­na auf die Ge­schich­te des To­ten­grä­bers Ju­li­us Eras­mus. Er fing an, mehr über die­sen ehe­ma­li­gen An­ge­stell­ten des Volks­bun­des Deut­sche Kriegs­grä­ber­für­sor­ge her­aus­zu­fin­den. Es heißt, Ju­li­us Eras­mus soll mehr als 1.500 Ge­fal­le­ne aus der Schlacht im Hürt­gen­wald ge­bor­gen, iden­ti­fi­ziert und be­gra­ben haben. Mehr dazu spä­ter.

Viele der Ge­fal­le­nen lie­gen auf den Kriegs­grä­ber­stät­ten Hürt­gen und Vos­sen­ack. Ingve Björn Stjer­na be­sucht die dor­ti­gen Grä­ber re­gel­mä­ßig. Auf dem Fried­hof in Vos­sen­ack be­fin­det sich eine Ge­denk­ta­fel, die über das Wir­ken von Ju­li­us Eras­mus be­rich­tet. Dort und an Grä­bern der Sol­da­ten möch­te Stjer­na Blu­men zum Ge­den­ken nie­der­le­gen oder eine Kerze an­zün­den. Doch der Rechts­an­walt be­haup­tet: Der zu­stän­di­ge Kreis Düren un­ter­sa­ge dies. Die im Sep­tem­ber 2022 er­las­se­ne Fried­hofs­ord­nung ver­bie­te es, Krän­ze oder Blu­men, Vasen oder an­de­re Zei­chen der Trau­er­be­kun­dung nie­der­zu­le­gen. Den­noch ab­ge­leg­te Blu­men oder Krän­ze seien wie­der­holt ent­fernt und ver­nich­tet wor­den, zum Bei­spiel zu­letzt am Volks­trau­er­tag des ver­gan­ge­nen Jah­res. Rechts­an­walt Stjer­na meint, die Fried­hofs­ord­nung ver­sto­ße gegen das Grä­ber­ge­setz, der Opfer des Zwei­ten Welt­krie­ges „in be­son­de­rer Weise zu ge­den­ken“. Dies schei­ne für den Kreis Düren unter Land­rat Wolf­gang Spelt­hahn of­fen­bar nicht mehr zeit­ge­mäß zu sein. Er halte dies für eine viel­sa­gen­de und er­schre­cken­de Ent­wick­lung, teilt Ingve Björn Stjer­na auf sei­ner ei­ge­nen Home­page mit. Er reicht eine Klage gegen die Fried­hofs­ord­nung des Krei­ses Düren beim zu­stän­di­gen Ver­wal­tungs­ge­richt ein.

Die Ent­ste­hung der Kriegs­grä­ber­stät­ten und das Grab von Wal­ter Model

Im Hürt­gen­wald fan­den im Spät­herbst 1944 schwe­re Kämp­fe zwi­schen al­li­ier­ten Sol­da­ten und der Wehr­macht statt. Die Schlacht im Hürt­gen­wald zählt zu den längs­ten und ver­lust­reichs­ten Ge­fech­ten des Zwei­ten Welt­krie­ges an der West­front. Zahl­rei­che Orte, unter an­de­rem Hürt­gen und Vos­sen­ack, wur­den wäh­rend der Kämp­fe zer­stört. Das Kriegs­ge­sche­hen blieb nach dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges noch prä­sent für die Be­woh­ne­rin­nen und Be­woh­ner, zum Bei­spiel in Form von le­bens­ge­fähr­li­chen Blind­gän­gern oder Minen. Auch heute zeu­gen Kriegs­re­lik­te wie die West­wall-Bun­ker von den Er­eig­nis­sen der Ar­den­nen­of­fen­si­ve. Ein Teil der Er­in­ne­rungs­land­schaft sind die Sol­da­ten­fried­hö­fe in Hürt­gen und Vos­sen­ack, die im Jahr 1952 er­öff­net wor­den sind. Der Volks­bund Deut­sche Kriegs­grä­ber­für­sor­ge hatte diese Sol­da­ten­fried­hö­fe er­rich­ten las­sen. Dass beide An­la­gen nun in un­mit­tel­ba­rer Nähe zu­ein­an­der exis­tie­ren, ist auf einen Grä­ber­streit zu­rück­zu­füh­ren. Der Volks­bund prä­sen­tier­te 1948 Pläne für eine Kriegs­grä­ber­stät­te in Vos­sen­ack, das da­mals noch zum Kreis Mons­chau ge­hör­te. Der Kreis Düren woll­te eben­falls einen ei­ge­nen Sol­da­ten­fried­hof haben. Bei die­sen Vor­gän­gen spiel­te auch ein ge­wis­ser Ju­li­us Eras­mus eine Rolle. Ein Kom­pro­miss wurde ge­fun­den. Auch in Hürt­gen soll­te eine Kriegs­grä­ber­stät­te ent­ste­hen. Seit einer Kreis­re­form in den 1970er Jah­ren lie­gen beide An­la­gen in der Obhut des Krei­ses Düren.

(Foto: Frank Möl­ler)

In Hürt­gen ruhen 3.001 Tote, dar­un­ter 2925 deut­sche Sol­da­ten, 35 zi­vi­le Opfer, 27 rus­si­sche, 13 pol­ni­sche Tote und ein Bel­gi­er. Ver­mut­lich han­delt es sich bei den aus­län­di­schen Toten um Zwangs­ar­bei­ter. In Vos­sen­ack lie­gen nach An­ga­ben der Kreis­ver­wal­tung 2.367 Tote. Hart­nä­ckig hält sich die Er­zäh­lung, dass in einem der Sol­da­ten­grä­ber Ge­ne­ral­feld­mar­schall Wal­ter Model be­gra­ben lie­gen soll. Des­sen sterb­li­che Über­res­te sol­len auf die Kriegs­grä­ber­stät­te Vos­sen­ack um­ge­bet­tet wor­den sein. Die Grab­plat­te des Ge­ne­ral­feld­mar­schalls liegt in der Mitte des Grä­ber­felds. Wal­ter Model habe in­mit­ten sei­ner Sol­da­ten ruhen wol­len, wird die Aus­sa­ge sei­nes Soh­nes über­lie­fert. „Späte Re­cher­chen haben aber deut­lich ge­macht, dass in der Frage der Um­bet­tung er­heb­li­che Zwei­fel an­ge­bracht sind“, schreibt His­to­ri­ker Frank Möl­ler im Por­tal Kul­tur.Land­schaft.Di­gi­tal (Ku­La­Dig) des Land­schafts­ver­ban­des Rhein­land. Und wei­ter: „Wal­ter Model selbst woll­te nicht, dass seine Über­res­te um­ge­bet­tet wer­den. Seine Fa­mi­lie war, ab­ge­se­hen vom Sohn, eben­falls da­ge­gen.“ Frank Möl­ler und auch der Ge­schäfts­füh­rer des Lan­des­ver­ban­des Nord­rhein-West­fa­len vom Volks­bund Deut­schen Kriegs­grä­ber­für­sor­ge, Ste­fan Schmidt, hal­ten es für frag­wür­dig, dass der Ge­ne­ral­feld­mar­schall tat­säch­lich auf dem Sol­da­ten­fried­hof in Vos­sen­ack be­gra­ben liegt. Das um­ge­bet­te­te Grab wurde bis­lang nicht über­prüft. Model war einer der rang­höchs­ten Ge­ne­ra­le der Wehr­macht. Dass sein Name auf einem Grab­stein in Vos­sen­ack steht, hat vor allem einen sym­bo­li­schen Wert. Der Fried­hof Vos­sen­ack ist in den zu­rück­lie­gen­den Jah­ren immer wie­der zu einem be­lieb­ten An­lauf­punkt von Rechts­ex­tre­mis­ten ge­wor­den.

Die Wind­hund-Di­vi­si­on

Ein wei­te­rer An­zie­hungs­punkt, der auch von der rechts­ex­tre­mis­ti­schen Szene ge­nutzt wurde, war die Ge­denk­stät­te der so ge­nann­ten Wind­hund-Di­vi­si­on in Vos­sen­ack. Die Sol­da­ten der 116. Pan­zer­di­vi­si­on nann­ten sich Wind­hun­de. Sie waren an den Kämp­fen im Hürt­gen­wald be­tei­ligt. Als Ge­frei­ter des Gre­na­dier­re­gi­ments 60 der Wind­hund-Di­vi­si­on er­leb­te Bap­tist Palm die Schlacht im Hürt­gen­wald mit. Nach dem Krieg wurde der CDU-Lo­kal­po­li­ti­ker Bür­ger­meis­ter von Vos­sen­ack und führ­te bis 1989 die CDU-Frak­ti­on im Kreis Düren. Palm galt als eine der ma­ß­geb­li­chen Fi­gu­ren, die dafür sorg­ten, dass die An­ge­hö­ri­gen der 116. Di­vi­si­on Vos­sen­ack zum Zen­trum ihrer Tref­fen und Ge­denk­fei­ern ma­chen konn­ten. Die Ge­denk­an­la­ge der Wind­hun­de ist 1966 er­rich­tet wor­den.

(Foto: Frank Möl­ler)

Die Wehr­machts-Ve­te­ra­nen or­ga­ni­sier­ten sich unter dem Dach eines Wind­hund-Fa­mi­li­en­ver­bands. Nach des­sen Auf­lö­sung trat ein För­der­ver­ein mit dem Namen „Wind­hun­de mah­nen zum Frie­den“ das Erbe des Fa­mi­li­en­ver­bands an. Das be­stand aus der Sicht von Kri­ti­kern und His­to­ri­kern vor allem in einer ein­di­men­sio­na­len und be­schö­ni­gen­den Dar­stel­lung der Kämp­fe der Wehr­macht, die die Ver­bre­chen des na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Re­gimes aus­blen­de­te. „Es ist so, dass über viele Jahre eine Grund­er­zäh­lung in der Re­gi­on herrsch­te, die letz­ten Endes auf einen Text des Ober­kom­man­dos der Wehr­macht zu­rück­geht“, er­läu­tert His­to­ri­ker Frank Möl­ler, der in meh­re­ren Pu­bli­ka­tio­nen die Er­in­ne­rungs­ge­schich­te im Hürt­gen­wald auf­ge­ar­bei­tet hat. In dem Text des Ober­kom­man­dos der Wehr­macht heißt es: „Die deut­sche Wehr­macht ist am Ende einer Über­macht eh­ren­voll un­ter­le­gen. Der deut­sche Sol­dat hat ge­treu sei­nes Eides im höchs­ten Ein­satz für sein Volk für immer Un­ver­gess­li­ches ge­leis­tet. Die Hei­mat hat ihn unter schwers­ten Be­din­gun­gen stets un­ter­stützt. Die da­ma­li­ge Leis­tung von Front und Hei­mat wird in einem spä­te­ren Ur­teil der Ge­schich­te Wür­di­gung fin­den.“ Dass die Sol­da­ten aus­schlie­ß­lich Opfer waren, die eh­ren­voll ge­kämpft hat­ten – Täter gab es keine – sei das be­stim­men­de Nar­ra­tiv ge­we­sen. Diese Er­zäh­lung der Ge­schich­te, vor­an­ge­trie­ben von den An­ge­hö­ri­gen der Wind­hund-Di­vi­si­on, von Mi­li­ta­ria-Li­te­ra­tur und wei­te­ren Ak­teu­ren aus der Re­gi­on, habe jah­re­lang den Blick auf die Ge­schich­te ge­prägt. „Man be­schäf­tig­te sich mit dem Krieg, mit den Sol­da­ten im Hürt­gen­wald, tat­säch­li­che For­schung hat kaum statt­ge­fun­den. Es han­delt sich um eine Le­gen­den­bil­dung“, stellt Frank Möl­ler fest.

Un­rühm­li­che Rolle ein­zel­ner Re­ser­vis­ten

Der His­to­ri­ker sieht es kri­tisch, dass es bei die­sen aus sei­ner Sicht ge­schichts­re­vi­sio­nis­ti­schen Ten­den­zen oft wenig Ab­gren­zung zur rechts­ex­tre­men Szene gab. Ein ne­ga­ti­ves Bei­spiel in die­ser Hin­sicht lie­fer­te 2016 die da­ma­li­ge Re­ser­vis­ten­ka­me­rad­schaft Hürt­gen­wald. Die RK warb auf einem ihrer Ban­ner mit dem Logo eines T-Shirt-Ver­sands, der in der rechts­ex­tre­men Szene als be­liebt gilt. (Der Name die­ses Ver­sand­han­dels ist der Re­dak­ti­on be­kannt, soll aber hier aus­drück­lich nicht ge­nannt wer­den). Zudem nahm an einer Ver­an­stal­tung des Wind­hund-För­der­ver­eins ein Re­ser­vist teil, der in­zwi­schen auf­grund rechts­ex­tre­mer Um­trie­be aus dem Re­ser­vis­ten­ver­band aus­ge­schlos­sen wor­den ist. (Der Name die­ses Re­ser­vis­ten ist der Re­dak­ti­on be­kannt). Ihre un­rühm­li­che Rolle haben die ver­ant­wort­li­chen Re­ser­vis­ten der Kreis­grup­pe Düren mitt­ler­wei­le auf­ge­ar­bei­tet. Sie haben mit ihrem En­ga­ge­ment zu einer Neu­aus­rich­tung des Hürt­gen­wald­mar­sches bei­ge­tra­gen. Dazu spä­ter mehr.

Der To­ten­grä­ber Ju­li­us Eras­mus

Fakt ist: Die Deu­tung der Er­eig­nis­se des Zwei­ten Welt­krie­ges im Hürt­gen­wald bleibt um­kämpft. Das zeigt sich auch an der Ge­schich­te des To­ten­grä­bers Eras­mus. Über ihn hielt sich hart­nä­ckig eine Er­zäh­lung, die in ähn­li­cher Form eine Le­gen­den­bil­dung dar­stellt wie die ver­brei­te­ten My­then über die Wehr­macht. Die­ser Le­gen­de nach soll Ju­li­us Eras­mus ein Tex­til­fa­bri­kant aus Aa­chen ge­we­sen sein. Als Pio­nier­haupt­mann der Wehr­macht sei er nach dem Krieg nach Vos­sen­ack zu­rück­ge­kehrt. „Ich hatte meine ge­sam­te Habe ver­lo­ren, der Krieg hatte mir alles ge­nom­men. Und da fand ich sie in den Chaus­see­grä­ben, am Wald­rand, unter zer­schos­se­nen Bäu­men. Ich konn­te sie ein­fach nicht da lie­gen sehen, un­be­stat­tet und ver­ges­sen. Es ließ mir keine Ruhe“, soll Eras­mus ge­sagt haben und sich als To­ten­grä­ber be­tä­tigt haben. Man sagt, er habe die Toten zu­nächst am Wald­rand be­gra­ben, da­nach etwa 120 Ge­fal­le­ne auf dem Ge­mein­de­fried­hof. 1569 deut­sche Ge­fal­le­ne soll Ju­li­us Eras­mus unter Ein­satz sei­nes Le­bens ge­bor­gen haben. Der Wald war stel­len­wei­se ver­mint oder durch die Mu­ni­ti­on bra­chen stän­dig Feuer aus. Als auf der im Krieg um­kämpf­ten Höhe 470 in Vos­sen­ack der Sol­da­ten­fried­hof ent­stand, fand Eras­mus eine An­stel­lung beim Volks­bund Deut­sche Kriegs­grä­ber­für­sor­ge. Der To­ten­grä­ber wird als „ei­gen­wil­li­ger Kauz“ be­schrie­ben, der in einer Hütte im Wald ge­lebt haben soll.

Wer war Ju­li­us Eras­mus wirk­lich?

Rechts­an­walt Ingve Björn Stjer­na be­schäf­tigt sich auf einem ei­gens dafür ein­ge­rich­te­ten Blog mit der Ge­schich­te des To­ten­grä­bers Ju­li­us Eras­mus. Sei­nen Nach­for­schun­gen zu­fol­ge las­sen sich viele De­tails der Er­zäh­lung über Ju­li­us Eras­mus nicht auf­recht­erhal­ten. So sei er wahr­schein­lich kein Pio­nier­haupt­mann ge­we­sen. Fer­ner sei er vor dem Krieg Land­wirt ge­we­sen. Er sei in Aa­chen ge­bo­ren, habe aber vor dem Krieg län­ger im Raum Vos­sen­ack ge­lebt. Dass Ju­li­us Eras­mus 1.569 Ge­fal­le­ne ge­bor­gen haben soll, hält Rechts­an­walt Stjer­na für un­wahr­schein­lich. Ge­si­chert ist, dass er als Mit­ar­bei­ter des Volks­bun­des die sterb­li­chen Über­res­te von Ge­fal­le­nen um- be­zie­hungs­wei­se auf die neue An­la­ge des Sol­da­ten­fried­hofs zu­bet­te­te. Zu sei­ner Zeit als Mit­ar­bei­ter des Volks­bun­des strit­ten sich die Krei­se Mons­chau und Düren um die Er­rich­tung von Kriegs­grä­ber­stät­ten. Beide Krei­se woll­ten eine ei­ge­ne An­la­ge, weil sie sich mög­li­che tou­ris­ti­sche Ein­nah­men durch die Be­su­cher­strö­me er­hoff­ten. „Es ent­brann­te sogar ein re­gel­rech­ter Kampf um ein­zel­ne Tote, der in Vor­wür­fen un­be­fug­ten Ex­hu­mie­rens, un­er­laub­ter Prä­mi­en­zah­lun­gen für sterb­li­che Über­res­te und sogar des Lei­chen­dieb­stahls gip­fel­te“, schreibt His­to­ri­ker Frank Möl­ler im Ku­La­Dig-Por­tal des Land­schafts­ver­ban­des Rhein­land. Rechts­an­walt Stjer­na fasst in sei­nem Blog die Be­deu­tung von Eras­mus zu­sam­men: „Ju­li­us Eras­mus hat den Toten ihre Namen ge­ge­ben. Er hat ver­sucht, den An­ge­hö­ri­gen die quä­len­de Un­ge­wiss­heit über den Ver­bleib des ver­miss­ten Fa­mi­li­en­mit­glieds zu neh­men. Das scheint we­sent­lich be­deu­ten­der als die Frage, wie viele Ge­fal­le­ne er let­zend­lich wo ge­bor­gen hat und ob er dies al­lein tat oder ge­mein­sam mit an­de­ren.“

Wi­der­sprü­che um Ju­li­us Eras­mus

His­to­ri­ker Frank Möl­ler be­stä­tigt, dass die Ge­schich­te von Ju­li­us Eras­mus kaum auf­ge­ar­bei­tet ist. „Er soll in mit Minen be­stück­te Ge­bie­te rein­ge­gan­gen sein, al­lein 700 Tote ge­bor­gen haben, die er an der Kir­che in St. Josef in Vos­sen­ack be­gra­ben wor­den sind und um­ge­bet­tet wur­den. Ich will nicht be­strei­ten, dass er wirk­lich viele Tote ge­bor­gen hat. Aber es gibt Wi­der­sprü­che von Leu­ten, die mit ihm ge­ar­bei­tet haben“, er­läu­tert Möl­ler. Wenn es Tote in einem Mi­nen­feld ge­ge­ben habe, habe er an­de­re dort­hin ge­schickt. Es habe hef­ti­ge Kon­flik­te zwi­schen Eras­mus und sei­nem Nach­fol­ger als Fried­hofs­wär­ter ge­ge­ben, weil Eras­mus sich von die­ser An­la­ge sich nicht ent­fer­nen woll­te. Er habe sei­nen Platz nicht ge­räumt als er auf der Kriegs­grä­ber­stät­te nicht mehr zu­stän­dig war. „Wenn man mit Leu­ten dar­über spricht, in Vos­sen­ack ist der My­thos von Ju­li­us Eras­mus noch vor­han­den. Im Nach­bar­ort Hürt­gen spre­chen die Leute an­ders: ‚Ach Ju­li­us Eras­mus, der hat bei uns Tote ge­klaut, die bei uns hin­ge­hör­ten.‘ Die An­sich­ten sind sehr un­ter­schied­lich. Es ist so, dass der My­thos auf­recht­erhal­ten wird“, schil­dert His­to­ri­ker Möl­ler.

Der Ta­fel­streit

Den An­ge­hö­ri­gen Ge­wiss­heit ver­schaf­fen, sei Ju­li­us Eras­mus‘ Mo­ti­va­ti­on ge­we­sen. Immer wie­der hin­aus­zu­ge­hen und die Schick­sa­le auf­zu­klä­ren, das mache die Be­deu­tung sei­nes Wir­kens aus, ist sich Rechts­an­walt Stjer­na si­cher. Ihn stört es, dass der Kreis Düren im Jahr 2021 eine In­for­ma­ti­ons­ta­fel mit De­tails über Ju­li­us Eras­mus auf dem Fried­hof Vos­sen­ack ent­fer­nen ließ. Stjer­na kri­ti­siert das Vor­ge­hen des Volks­bun­des und des Krei­ses in die­ser Hin­sicht scharf. Er em­pört sich dar­über, dass seine Re­cher­chen zum To­ten­grä­ber mit Skep­sis be­trach­tet wür­den. Es sei die Aus­sa­ge ge­fal­len, er be­trei­be Hel­den­ge­den­ken, von dem man nicht viel halte, schreibt er auf sei­ner Ju­li­us-Eras­mus-Home­page. „Man kann sich des un­gu­ten Ge­fühls nicht er­weh­ren, dass der Kreis Düren und der Volks­bund NRW im Hin­blick auf das Ge­den­ken an den Zwei­ten Welt­krieg und seine Opfer nichts Gutes im Schil­de füh­ren“, meint Ingve Björn Stjer­na auf sei­nem Blog.

Aus sei­ner Sicht sei der Blog des Rechts­an­walts Stjer­na sach­lich ge­schrie­ben. Er habe die kri­ti­schen Mo­men­te weit­ge­hend auf­ge­ar­bei­tet. Al­ler­dings seien die Er­kennt­nis­se von Ingve Björn Stjer­na weit­ge­hend be­kannt ge­we­sen, ord­net His­to­ri­ker Frank Möl­ler die Ar­beit des Rechts­an­walts ein. Möl­ler hält es den­noch für nötig, die Ge­schich­te noch ein­mal neu zu re­cher­chie­ren. Der Ge­schäfts­füh­rer des Lan­des­ver­bands Nord­rhein-West­fa­len des Volks­bun­des Deut­sche Kriegs­grä­ber­für­sor­ge, Ste­fan Schmidt, sagt: „Eine Per­son wie Ju­li­us Eras­mus so her­aus­zu­he­ben, ist nicht so ganz nach­voll­zieh­bar. Es geht darum, keine neuen My­then zu pro­du­zie­ren und My­then ent­ge­gen­zu­wir­ken. Er war ein An­ge­stell­ter des Volks­bun­des. Er war si­cher nicht der ein­zi­ge Um­bet­ter. Da­mals war Ju­li­us Eras­mus wahr­schein­lich kein Ein­zel­fall im Volks­bund.“ Dem stimmt Frank Möl­ler zu. Die 2005 auf­ge­stell­te Tafel mit In­for­ma­tio­nen zu Ju­li­us Eras­mus war eine In­for­ma­ti­ons­ta­fel über die Kriegs­grä­ber­stät­te Vos­sen­ack. Sie wurde über­ar­bei­tet und neu auf­ge­stellt. Diese neue Tafel ent­hielt weit­ge­hend die­sel­ben In­for­ma­tio­nen, auch über Ju­li­us Eras­mus. Damit habe keine Not­wen­dig­keit mehr be­stan­den, die alte Tafel ste­hen zu las­sen.

(Foto: Frank Möl­ler)

Noch emo­tio­na­ler als der Streit um die Tafel mit den Eras­mus-In­for­ma­tio­nen lief der Kon­flikt um die Schau­ta­feln auf dem Ge­län­de der Wind­hund-An­la­ge, der 2009 hoch­koch­te. Da­mals wur­den die Schau­käs­ten der be­stehen­den In­for­ma­ti­ons­ta­feln er­neu­ert.

Schau­ta­feln über 116. Pan­zer­di­vi­si­on in der Kri­tik

Im Zuge des­sen kam Kri­tik an der Dar­stel­lung der 116. Pan­zer­di­vi­si­on auf. Diese be­zeich­ne­ten Kri­ti­ker als he­roi­sie­rend und ver­herr­li­chend. So sti­li­sier­ten diese In­for­ma­ti­ons­ta­feln bei­spiels­wei­se die Wind­hund-Di­vi­si­on als Opfer des men­schen­ver­ach­ten­den Nazi-Re­gimes. His­to­ri­ker hiel­ten sol­che Dar­stel­lun­gen für ver­kürzt und sahen darin eine Täter-Opfer-Um­kehr, die den My­thos einer „un­be­schol­te­nen Wehr­macht“ be­dient. Ein sol­cher un­kri­ti­scher Um­gang, der bei­spiels­wei­se die Ver­bre­chen der Wehr­macht an der Ost­front aus­blen­det, sei nicht mehr zeit­ge­mäß. „Die Tat­sa­che, dass sich füh­ren­de po­li­ti­sche Re­prä­sen­tan­ten im Jahr 2009 noch mit einer sol­chen Dar­stel­lung iden­ti­fi­zie­ren moch­ten, sorg­te bei un­ab­hän­gi­gen Be­ob­ach­tern für rat­lo­ses Kopf­schüt­teln und Fas­sungs­lo­sig­keit“, schreibt Frank Möl­ler.

Van­da­lis­mus und rechts­ex­tre­me Vor­komm­nis­se

Im Jahr 2015 ließ der Kreis Düren die Ta­feln auf der Wind­hund-An­la­ge ent­fer­nen. Die­ser Vor­gang sorg­te beim Wind­hund-För­der­ver­ein für Em­pö­rung. Be­mü­hun­gen, die Ta­feln mit wis­sen­schaft­li­cher Un­ter­stüt­zung zu be­ar­bei­ten und zu kom­men­tie­ren, ge­stal­te­ten sich schwie­rig. Gleich­zei­tig hat­ten Schü­le­rin­nen und Schü­ler des Fran­zis­kus-Gym­na­si­ums sich mit der Ge­schich­te ihrer Gro­ßvä­ter be­schäf­tigt. Zu­sam­men mit den His­to­ri­kern Ka­ro­la Fings, Frank Möl­ler, Peter Bül­ter vom Volks­bund und der Gra­fi­ke­rin Eva Mül­ler-Hall­manns ent­stan­den sechs In­for­ma­ti­ons­ta­feln, die seit­dem auf der Kriegs­grä­ber­stät­te Vos­sen­ack auf­ge­stellt wur­den. Die Ta­feln lie­fern In­for­ma­tio­nen zur Ent­ste­hung der Kriegs­grä­ber­stät­te, zu ar­chi­tek­to­ni­schen Be­son­der­hei­ten und zu ein­zel­nen dort Be­stat­te­ten. Eine der Ta­feln setzt sich auch mit dem My­thos der Um­bet­tung des Ge­ne­ral­feld­mar­schalls Wal­ter Model aus­ein­an­der. Das Pro­jekt mit der Schu­le soll­te die jah­re­lang gän­gi­gen Nar­ra­ti­ve durch­bre­chen. Da­ge­gen habe man sich von rechts(ex­tre­mer) Seite ge­wehrt, schil­dert His­to­ri­ker Möl­ler. Er be­rich­tet von ein­schlä­gi­gen Über­grif­fen, auf Holz ein­ge­ritz­te Ha­ken­kreu­ze, Van­da­lis­mus und ein­deu­tig rechts­ex­tre­me Bot­schaf­ten wie der Auf­schrift „Un­se­rem Hel­den“ am Grab­stein vom Wal­ter Model. Dar­über hin­aus sei es in der Ver­gan­gen­heit öfter zu Auf­mär­schen rechts­ex­tre­mer Grup­pen ge­kom­men. Fotos von Sol­da­ten in Wehr­machts­uni­form wur­den ab­ge­legt oder Kranz­ge­bin­de mit ver­herr­li­chen­den Bot­schaf­ten. All dies hat His­to­ri­ker Möl­ler auf sei­nem Blog do­ku­men­tiert.

Warum die Fried­hofs­sat­zung prä­zi­siert und an­ge­passt wurde

Um sol­chen Um­trie­ben aus der rech­ten Szene auf dem Sol­da­ten­fried­hof Vos­sen­ack einen Rie­gel vor­zu­schie­ben, hat der Kreis Düren im Ok­to­ber ver­gan­ge­nen Jah­res die Fried­hofs­ord­nung ge­än­dert. Der Kreis Düren ist zu­stän­dig, weil er der Trä­ger der Kriegs­grä­ber­stät­ten Hürt­gen und Vos­sen­ack ist. Es ist ge­setz­lich vor­ge­schrie­ben, dass der Volks­bund Deut­sche Kriegs­grä­ber­für­sor­ge bei einer Än­de­rung der Fried­hofs­sat­zung an­ge­hört wer­den muss. So ist es auch ge­sche­hen. Zur Klage des Rechts­an­wal­tes Stjer­na sagt der Ge­schäfts­füh­rer des Lan­des­ver­ban­des Nord­rhein-West­fa­len des Volks­bun­des, Ste­fan Schmidt: „Das an­geb­li­che Blu­men­ver­bot stimmt so nicht.“ Er räumt ein, dass die neue Fried­hofs­sat­zung etwas un­scharf for­miert ge­we­sen sei. Das habe be­reits zu Be­schwer­den ge­führt. „Es ist aber kei­nes­falls so, dass auf Grab­zei­chen von Be­stat­te­ten keine Krän­ze oder Blu­men mehr nie­der­ge­legt wer­den dür­fen“, sagt Schmidt. Das be­stä­tigt der Kreis Düren auf An­fra­ge. Zwar sei nach der be­schlos­se­nen Fried­hofs­ord­nung nicht ge­stat­tet, auf den Kriegs­grä­ber­stät­ten Krän­ze oder Blu­men, Vasen oder an­de­re Zei­chen der Trau­er­be­kun­dung an den Hoch­kreu­zen, den Ge­denk­stei­nen oder am Sar­ko­phag in Vos­sen­ack nie­der­zu­le­gen. Aus­nah­men kön­nen durch die Fried­hofs­ver­wal­tung zu­ge­las­sen wer­den, teilt der Kreis Düren mit und prä­zi­siert, dass diese Pra­xis noch ein­mal über­dacht wor­den sei. „Seit De­zem­ber 2022 wer­den Zei­chen der Trau­er­be­kun­dung durch An­ge­hö­ri­ge oder aus dem Be­kann­ten­kreis der auf den Kriegs­grä­ber­stät­ten be­stat­te­ten Per­so­nen nicht mehr ent­fernt, so­fern keine rechts­ge­rich­te­ten Bot­schaf­ten damit ver­bun­den sind“, heißt es aus der Kreis­ver­wal­tung. Damit setzt der Kreis um, was der Volks­bund emp­foh­len hat. Es habe Nach­bes­se­run­gen in Form einer Dienst­an­wei­sung für den zu­stän­di­gen Fried­hofs­wär­ter ge­ge­ben, er­läu­tert Volks­bund-Ge­schäfts­füh­rer Ste­fan Schmidt. Es sei nun genau fest­ge­legt, was ge­stat­tet sei und was ent­fernt wer­den soll. Nicht ge­stat­tet seien Trau­er­be­kun­dun­gen mit rechts­ge­rich­te­ten Bot­schaf­ten sowie Fotos mit Wehr­machts- oder SS-Uni­form. „Es ist be­dau­er­lich, dass das das prä­zi­siert wer­den muss“, sagt Ste­fan Schmidt. Er könne sich nicht vor­stel­len, dass die Klage gegen die Fried­hofs­ord­nung er­folg­reich sei. Denn die Be­dro­hung durch Rechts­ex­tre­me und Van­da­len sei ge­ge­ben, sagt Frank Möl­ler über die Klage des Rechts­an­wal­tes Stjer­na.

Die ge­schei­ter­te Klage

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat schlie­ß­lich eine Be­schwer­de gegen die Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­rich­tes Aa­chen zu­rück­ge­wie­sen. Die­ses hatte zuvor die von Stjer­na be­an­trag­te einst­wei­li­ge An­ord­nung gegen die Fried­hofs­sat­zung des Krei­ses Düren ab­ge­lehnt. Zur jüngs­ten Ent­schei­dung in der Sache schreibt Ingve Björn Stjer­na auf sei­nem Blog von einem „trau­ri­gen wie ty­pi­schen Stück ju­ris­ti­scher Zeit­ge­schich­te“ und von „welt­frem­den Jus­tiz­han­delns“. Der Rechts­an­walt meint, das von ihm so be­zeich­ne­te Blu­men­ver­bot schrän­ke Grund­rech­te wie die Glau­bens- und Be­kennt­nis­frei­heit (hier das Ab­le­gen von Zei­chen der Trau­er­be­kun­dung), die Mei­nungs­frei­heit und die all­ge­mei­ne Hand­lungs­frei­heit ein. Die­ser An­sicht folgt das Ge­richt nicht. In der Ur­teils­be­grün­dung heißt es, Rechts­an­walt Stjer­na habe nicht glaub­haft ge­macht, dass ihm ohne den Er­lass der be­an­trag­ten einst­wei­li­gen An­ord­nung schlecht­hin un­zu­mut­ba­re Nach­tei­le dro­hen wür­den. „Der Be­schluss fügt sich naht­los in zahl­rei­che Ju­di­ka­te ge­ra­de aus der jün­ge­ren Zeit ein, in der ins­be­son­de­re die Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit es re­gel­mä­ßig – viel­fach unter fa­den­schei­ni­gen Grün­den und mit un­ver­hoh­le­nem ideo­lo­gi­schen Un­ter­ton – ab­ge­lehnt hat, ihre Auf­ga­be zu er­fül­len, näm­lich den Grund­rech­ten der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger in ef­fek­ti­ver Form zur Durch­set­zung zu ver­hel­fen“, schreibt Stjer­na in einer Be­wer­tung des Ur­teils des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts. Und wei­ter: „Ge­richt­lich ge­währ­leis­tet wird of­fen­bar mit­un­ter nur noch ein Ge­brauch grund­recht­lich ge­schütz­ter Rech­te, den das er­ken­nen­de Ge­richt selbst als po­li­tisch-ideo­lo­gisch op­por­tun und le­gi­tim an­sieht, was mit grund­le­gen­den rechts­staat­li­chen An­for­de­run­gen un­ver­ein­bar ist. Eine eben­so schmerz­haf­te wie wich­ti­ge Er­kennt­nis. Das be­reits wäh­rend der Zeit der staat­li­chen „Co­ro­na-Schutz“-Maß­nah­men stark stra­pa­zier­te Ver­trau­en der Be­völ­ke­rung in die Zu­ver­läs­sig­keit des Rechts­staa­tes wird wei­ter un­ter­mi­niert, womit Teile der Ju­di­ka­ti­ve an dem Ast sägen, auf dem sie sit­zen.“

Was bleibt übrig von der Klage gegen die Fried­hofs­ord­nung?

Ist es Zu­fall, dass Me­di­en aus dem (neu) rech­ten Spek­trum – wie zum Bei­spiel am 27. März 2023 mit der Über­schrift „Hürt­gen­wald: To­ten­ge­den­ken un­er­wünscht“ die als rechts­ex­trem vom Ver­fas­sungs­schutz ein­ge­stuf­te Par­tei Drit­ter Weg – das an­geb­li­che Blu­men­ver­bot auf­grei­fen? Steckt hin­ter der zu­rück­ge­wie­se­nen Klage samt der Be­richt­erstat­tung in di­ver­sen (Me­di­en)blogs po­li­ti­sches Kal­kül, von wem auch immer? Loyal hat das In­sti­tut für De­mo­kra­tie und Zi­vil­ge­sell­schaft in Jena um eine Ein­schät­zung ge­be­ten. „Es liegt auf der Hand, dass mit der gan­zen Klage und der Me­di­en­ar­beit dazu eine wei­ter­rei­chen­de po­li­ti­sche Aus­sa­ge be­zie­hungs­wei­se Wir­kung be­zweckt wird“, stellt Dr. Axel Sal­h­ei­ser, Wis­sen­schaft­li­cher Lei­ter am In­sti­tut für De­mo­kra­tie und Zi­vil­ge­sell­schaft, fest. Unter an­de­rem die Fest­stel­lung, dass „Teile der Ju­di­ka­ti­ve an dem Ast sägen, auf dem sie sit­zen“ könne – aus Per­spek­ti­ve so­zi­al­wis­sen­schaft­li­cher For­schung, die ver­glei­chend das Stan­dard­re­per­toire ex­trem rech­ter Rhe­to­rik her­an­zie­he – durch­aus als schlecht ver­hoh­le­ne Dro­hung in­ter­pre­tiert wer­den, mit der of­fen­bar vor allem in ge­schichts­re­vi­sio­nis­ti­schen, ex­trem rech­ten und ihr nahen Krei­sen re­üs­siert wer­den soll, die den Wi­der­stand gegen das an­geb­lich dik­ta­to­ria­le „Sys­tem“ und „Fein­de des Vol­kes“ be­schwö­ren, ana­ly­siert er. Das an­geb­li­che Be­dürf­nis zu Trau­ern, Ge­den­ken, Kranz­nie­der­le­gen aus­ge­rech­net an eben­je­ner Stät­te werde zum Grund- und Men­schen­recht hoch­ge­jazzt, gegen das an­geb­lich aufs Gröbs­te ver­sto­ßen würde – und dann komme der Ideo­lo­gie­vor­wurf gegen die Rich­ter. „Die­ses „Auf­bau­schen“ be­zie­hungs­wei­se der be­trie­be­ne ju­ris­ti­sche Auf­wand zeigt das da­hin­ter­lie­gen­de stra­te­gi­sche In­ter­es­se auf“, sagt Dr. Sal­h­ei­ser.

Der Blick auf die Ge­schich­te im Wan­del: Die Neu­aus­rich­tung des Hürt­gen­wald­mar­sches

Aus der Sicht von Volks­bund-Ge­schäfts­füh­rer Ste­fan Schmidt fügen sich die Be­mü­hun­gen von Rechts­an­walt Stjer­na, Licht ins Dunk­le der Ge­schich­te des Ju­li­us Eras­mus zu brin­gen ein in die Schlacht um die Er­in­ne­rung im Hürt­gen­wald. „Er ist eine von vie­len Stim­men, die da mit­mi­schen“, sagt Schmidt. Wie viele das sind, wurde in den Jah­ren 2015 und 2016 wäh­rend des Pi­lot­pro­jekts Mo­ra­to­ri­um Hürt­gen­wald deut­lich. Dabei ging es darum, einen Über­blick über Ge­denk- und Er­in­ne­rungs­ob­jek­te zu be­kom­men und mit den ver­schie­de­nen Ak­teu­ren, die er­in­ne­rungs­po­li­tisch aktiv sind, ins Ge­spräch zu kom­men. Bei der Aus­ein­an­der­set­zung mit der Ge­schich­te wur­den Hand­lungs­emp­feh­lun­gen er­ar­bei­tet, wie man das Thema Zwei­ter Welt­krieg und Hürt­gen­wald­schlacht brei­ter auf­stel­len kann. Ein Bei­spiel dafür lie­fert heute der Hürt­gen­wald­marsch. His­to­ri­ker Möl­ler brach­te das Lan­des­kom­man­do Nord­rhein-West­fa­len erst­mals mit Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­tern des Land­schafts­ver­bands Rhein­land, der Ge­schichts­werk­statt Nord­ei­fel (Be­ne­dikt und Kon­rad Schöl­ler), der Uni­ver­si­tät Os­na­brück, des Volks­bunds Deut­sche Kriegs­grä­ber­für­sor­ge und von Vo­gel­sang IP zu­sam­men. Auch der Re­ser­vis­ten­ver­band be­tei­lig­te sich und sorg­te zu­sam­men mit die­sen Ak­teu­ren für eine Neu­aus­rich­tung des Hürt­gen­wald­mar­sches mit zeit­his­to­ri­schen Vor­trä­gen, zahl­rei­chen Aus­stel­lun­gen und einer Thea­ter­auf­füh­rung. Somit hält die Ver­an­stal­tung nicht nur die Er­in­ne­rung an die Schlacht im Hürt­gen­wald wach, son­dern trägt mit einem be­glei­ten­den Bil­dungs­pro­gramm dazu bei, über­kom­me­ne Ge­schichts­bil­der in der Re­gi­on zu hin­ter­fra­gen. Der Blick auf die Ge­schich­te än­dert sich. Es ist ein span­nen­der und le­ben­di­ger Pro­zess, aber auch ein emo­tio­na­ler.

Quel­len:
In­ter­views mit Ingve Björn Stjer­na, Frank Möl­ler und Ste­fan Schmidt
Pres­se­an­fra­gen an den Kreis Düren, das In­sti­tut für De­mo­kra­tie und Zeit­ge­schich­te
Frank Möl­ler (2022): Einer ge­wal­ti­gen Über­macht eh­ren­voll un­ter­le­gen…? Mi­li­ta­ria-Li­te­ra­tur über den Zwei­ten Welt­krieg am Bei­spiel des Kriegs­schau­plat­zes Nord­ei­fel/Hürt­gen­wald

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