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In der Grau­zo­ne

Die Re­pu­blik Mol­dau will in die EU. Am 20. Ok­to­ber wird im Land dar­über ab­ge­stimmt. Es ist un­si­cher, wie diese Wahl aus­geht. Die west­lich ori­en­tier­te Elite ist für Eu­ro­pa. Doch Russ­land hat das Land unter pro­pa­gan­dis­ti­sches Dau­er­feu­er ge­nom­men. Viele Mol­dau­er ste­hen Wla­di­mir Putin näher als ihrer ei­ge­nen Prä­si­den­tin Maia Sandu. Das Schick­sal Mol­d­aus hängt auch am Aus­gang jenes Kriegs, in dem ge­ra­de die Ukrai­ne um ihr Über­le­ben kämpft.

Mol­daui­sche Sol­da­ten trai­nie­ren mit Schutz­schil­den auf dem Trup­pen­übungs­platz Bul­boaca für den Aus­lands­ein­satz Riot Con­t­rol, also das Vor­ge­hen gegen ge­walt­tä­ti­ge De­mons­tran­ten.

Foto: Ste­phan Pram­me

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Eu­ro­pa ist in Chișinău, der Haupt­stadt der Re­pu­blik Mol­dau, all­ge­gen­wär­tig. Vom Re­gie­rungs­pa­last am zen­tra­len Bu­le­var­dul Ștefan cel Mare și Sfânt, der drei­ein­halb Ki­lo­me­ter lan­gen Pracht­stra­ße Chișinăus, hängt über die halbe Ge­bäu­de­front die blaue Flag­ge mit den zwölf gol­de­nen Ster­nen neben der blau-gelb-roten Na­tio­nal­flag­ge mit dem Au­er­och­sen im Wap­pen. Viele Stra­ßen der Haupt­stadt sind mit der Eu­ro­paflag­ge ge­schmückt. Es gibt eine Brief­mar­ke mit dem Um­riss des Lan­des in den eu­ro­päi­schen Far­ben. Sogar an der Si­cher­heits­kon­trol­le des Flug­ha­fens tra­gen die Be­am­ten das blaue Em­blem mit den gol­de­nen Ster­nen. Wer die­ser Tage die Re­pu­blik Mol­dau be­sucht, hat den Ein­druck, das Land sei be­reits das 28. Mit­glied der EU.

Dabei ist Mol­dau erst seit zwei Jah­ren EU-Bei­tritts­kan­di­dat. Es ist nur we­ni­ge Tage her, dass die EU über­haupt be­schlos­sen hat, Bei­tritts­ge­sprä­che auf­zu­neh­men. Ent­schei­dend für die wei­te­re Ent­wick­lung wird sein, wie das Re­fe­ren­dum über einen EU-Bei­tritt aus­geht, das für den 20. Ok­to­ber an­ge­setzt ist. 56 der 101 Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ten haben für das Re­fe­ren­dum vo­tiert, 24 Ab­ge­ord­ne­te der pro­rus­si­schen Op­po­si­ti­on blie­ben der Ab­stim­mung fern. Das Re­fe­ren­dum wird gleich­zei­tig mit der Prä­si­dent­schafts­wahl statt­fin­den, bei der sich die west­lich ori­en­tier­te Prä­si­den­tin, die an der US-Elite-Uni­ver­si­tät Har­vard aus­ge­bil­de­te Maia Sandu, für eine zwei­te Amts­zeit wäh­len las­sen möch­te.

Sandu löste 2020 den pro­rus­si­schen Prä­si­den­ten Igor Dodon ab; sie kam mit 58 Pro­zent der ab­ge­ge­be­nen Stim­men als erste Frau in Mol­dau ins höchs­te Staats­amt und hat ihr Land auf West­kurs ge­trimmt. San­dus Wahl wurde auch durch einen vor­aus­ge­hen­den bei­spiel­lo­sen Ban­ken­skan­dal be­güns­tigt: Da­mals ver­schwan­den in Mol­dau kurz vor der Ab­wahl der pro­rus­si­schen Re­gie­rung rund 900 Mil­lio­nen Euro bei du­bio­sen Kre­dit­ge­schäf­ten von Olig­ar­chen. Das hätte bei­na­he den Zu­sam­men­bruch des klei­nen Lan­des be­deu­tet und zeig­te den gro­ßen Ein­fluss einer klei­nen Cli­que von Ver­bre­chern.

Das Re­gie­rungs­ge­bäu­de in der mol­daui­schen Haupt­stadt Chișinău ist mit rie­si­gen Fah­nen ge­schmückt. Neben der blau-gelb-roten Na­tio­nal­flag­ge hängt in glei­cher Größe die EU-Flag­ge. Doch bis zu einem EU-Bei­tritt könn­te es noch ein stei­ni­ger Weg wer­den. (Foto: Ste­phan Pram­me)

Das Ziel der 52 Jahre alten Sandu ist die Auf­nah­me in die EU bis zum Jahr 2030. Die Men­schen sind indes über die Frage ge­spal­ten, wie es mit ihrem Land wei­ter­ge­hen soll. Im Mai ver­gan­ge­nen Jah­res haben 80.000 Mol­dau­er in Chișinău für einen Bei­tritt zur EU de­mons­triert. Die De­mons­tran­ten sag­ten, sie wol­len sich aus dem rus­si­schen Wür­ge­griff be­frei­en, als den viele den mas­si­ven Ein­fluss Russ­lands emp­fin­den. 45 Pro­zent der Mol­dau­er gaben im Herbst laut dem re­prä­sen­ta­ti­ven „Eu­ro­ba­ro­me­ter“ an, sie fühl­ten sich der EU „sehr“ oder „ziem­lich“ ver­bun­den.

An­de­rer­seits sind viele von Sandu ent­täuscht, weil es wirt­schaft­lich nicht recht vor­an­geht und weil die Prä­si­den­tin trotz voll­mun­di­ger An­kün­di­gun­gen und an­fäng­li­cher Er­fol­ge die gras­sie­ren­de Kor­rup­ti­on nicht in den Griff be­kom­men hat. In der­sel­ben Um­fra­ge vom Herbst 2023 sagte eine Mehr­heit von 51 Pro­zent, sie fühle sich der EU „nicht sehr“ oder „über­haupt nicht“ ver­bun­den. Mol­dau gilt als ärms­tes Land Eu­ro­pas. Viele Mol­dau­er ar­bei­ten im Aus­land. Die Land­wirt­schaft ist der mit Ab­stand wich­tigs­te Wirt­schafts­sek­tor. Die we­ni­ge In­dus­trie, die es gibt, be­fin­det sich in der ab­trün­ni­gen Re­gi­on Trans­nis­tri­en, in der vor allem rus­sisch- und ukrai­nisch­spra­chi­ge Mol­dau­er leben. Die In­fla­ti­ons­ra­te lag 2022 bei 28 Pro­zent. Zudem hat das Land seit dem rus­si­schen Über­fall auf die Ukrai­ne 450.000 ukrai­ni­sche Flücht­lin­ge auf­ge­nom­men – bei einer Be­völ­ke­rung von ge­ra­de mal 2,6 Mil­lio­nen. Amts­spra­che ist zwar Ru­mä­nisch, da Mol­dau­er eth­nisch und his­to­risch eng mit den Ru­mä­nen ver­wandt sind. Als All­tags­spra­che ist aber Rus­sisch weit ver­brei­tet. Der An­teil der pro­rus­si­schen Be­völ­ke­rung wird auf 30 bis 40 Pro­zent ge­schätzt.

Die mol­daui­sche Prä­si­den­tin Maia Sandu und den Prä­si­den­ten des Nach­bar­lands Ukrai­ne ver­bin­det die west­li­che Ori­en­tie­rung und der Wunsch, in die EU auf­ge­nom­men zu wer­den. (Foto: pic­tu­re al­li­an­ce / AP)

Die pro­pa­gan­dis­ti­sche Be­schal­lung aus Russ­land ist wohl in kei­nem Land au­ßer­halb Russ­lands so groß wie in Mol­dau, nicht ein­mal im Bal­ti­kum. Wäh­rend durch EU- und NATO-Bei­tritt die Ver­an­ke­rung Li­tau­ens, Lett­lands und Est­lands im Wes­ten un­um­stö­ß­lich ist, sieht Mos­kau in Mol­dau noch Chan­cen für sich. Das Land wirkt wie ein Zwi­schen­reich, eine Grau­zo­ne: nicht ganz im Wes­ten, aber auch noch lange nicht dem rus­si­schen Zu­griff ent­zo­gen. Es kann in die eine wie in die an­de­re Rich­tung kip­pen. Daher rin­gen so­wohl die EU als auch Russ­land um die Köpfe und Her­zen der Mol­dau­er.

Die EU hat vor einem Jahr eine zi­vi­le Mis­si­on im Rah­men der Ge­mein­sa­men Si­cher­heits- und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik in das Land ent­sandt, um die Cy­ber­si­cher­heit zu ver­bes­sern und hy­bri­de An­grif­fe aus Russ­land zu be­kämp­fen. Es geht um Ka­pa­zi­täts­auf­bau, Trai­nings­maß­nah­men und Stei­ge­rung der Re­si­li­enz für die mol­daui­schen Be­hör­den, die unter den Cy­ber­an­grif­fen aus Russ­land äch­zen.

Andrei Curăraru ist einer der­je­ni­gen in Mol­dau, der sich wie kaum sonst je­mand mit rus­si­schen Trol­len und Bots aus­kennt und Ge­gen­maß­nah­men gegen die In­dok­tri­na­ti­on aus Mos­kau ent­wi­ckelt. Curăraru ist Mit­be­grün­der der Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on „Watch­dog.md“, die sich die Ana­ly­se und Be­kämp­fung rus­si­scher Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen auf die Fah­nen ge­schrie­ben hat. Die Büros von „Watch­dog.md“ be­fin­den sich in einem Hin­ter­hof­ge­bäu­de am Rande der In­nen­stadt von Chișinău. Ein Schild drau­ßen an der Me­tall­tür gibt es nicht.

Andrei Curăraru von der Or­ga­ni­sa­ti­on Watch­dog.md ist ein Ken­ner der hy­bri­den Kriegs­füh­rung gegen Mol­dau. (Foto: Ste­phan Pram­me)

Curăraru spricht von einem Krieg, der im In­ter­net, im Äther und auf den Sa­tel­li­ten­ka­nä­len tobe. „Es be­gann mit ers­ten Über­le­gun­gen Mol­d­aus, Mit­glied der EU zu wer­den. Ak­tu­ell er­le­ben wir im Vor­feld des Re­fe­ren­dums eine mas­si­ve Welle von Des­in­for­ma­ti­on. In­zwi­schen sind wir bei schät­zungs­wei­se zwei Drit­tel Fake News im Netz. Im frei emp­fang­ba­ren Fern­se­hen sieht es etwas bes­ser aus, weil die Re­gie­rung kürz­lich zwölf rus­sisch­spra­chi­ge Sen­der ge­blockt hat. Aber die ma­chen na­tür­lich im In­ter­net wei­ter“, sagt der in Eng­land aus­ge­bil­de­te Ana­lyst, der unter an­de­rem für den pro-eu­ro­päi­schen Prä­si­den­ten Ni­co­lae Ti­mof­ti ge­ar­bei­tet hatte, dem Vor-Vor­gän­ger von Maia Sandu.

Zu den Nar­ra­ti­ven, die die rus­si­sche Pro­pa­gan­da den Mol­dau­ern un­ter­ju­belt, ge­hö­ren laut Curăraru diese:

  • Ukrai­ni­sche Flücht­lin­ge be­kom­men mehr Geld als mol­daui­sche Rent­ner.
  • Nach einem EU-Bei­tritt wer­den die Prei­se ex­plo­die­ren, und das Land wird an Aus­län­der ver­kauft.
  • Es wer­den künf­tig Flücht­lin­ge aus Sy­ri­en auf­ge­nom­men wer­den müs­sen.
  • Eine Mit­glied­schaft in der EU be­deu­tet Ein­tritt in den Krieg in der Ukrai­ne.
  • Die Re­gie­rung in Chișinău un­ter­drückt die Min­der­heit der Gagau­sen.

Die Gagau­sen (sprich: Gaga-usen) sind be­son­ders an­fäl­lig für die rus­si­sche Pro­pa­gan­da. Gag­au­si­en hatte sich eben­so wie Trans­nis­tri­en noch vor dem Zu­sam­men­bruch der So­wjet­uni­on von Mol­dau ab­ge­spal­ten, war aber 1994 in den Staats­ver­band zu­rück­ge­kehrt. Die etwa 160.000 Gagau­sen ma­chen rund vier Pro­zent der mol­daui­schen Ge­samt­be­völ­ke­rung aus und leben in einem un­zu­sam­men­hän­gen­den Ge­biet von der Größe des Saar­lands im Süd­wes­ten von Mol­dau. Als Ge­gen­leis­tung für ihre Rück­kehr in die Re­pu­blik wur­den sie gro­ß­zü­gig von der Zen­tra­le in Chișinău un­ter­stützt. Keine Re­gi­on Mol­d­aus hat mehr För­der­mit­tel er­hal­ten. Ge­dankt haben es die Gagau­sen dem Staat nicht. Der ganz über­wie­gen­de Teil von ihnen ist in der un­ab­hän­gi­gen Re­pu­blik Mol­dau nicht an­ge­kom­men, das zei­gen seit Jahr­zehn­ten die Wahl­er­geb­nis­se. Und auch für den 20. Ok­to­ber rech­nen Be­ob­ach­ter in Chișinău für Ga­gu­si­en mit einer 95-pro­zen­ti­gen Ab­leh­nung beim EU-Re­fe­ren­dum.

Auf der Lenin-Stra­ße in Com­rat, der Haupt­stadt Gag­au­si­ens, steht eine Lenin-Sta­tue. Die Gagau­sen sind ein Turk­volk, doch spielt Russ­land für sie eine viel grö­ße­re Rolle als die Tür­kei. (Foto: Ste­phan Pram­me)

In der gag­au­si­schen Haupt­stadt Com­rat würde sich jeder Russe wie zu Hause füh­len. Es gibt eine Lenin-Stra­ße mit­samt Lenin-Sta­tue, am Stra­ßen­rand steht ein Tank­wa­gen, aus dem ein Müt­ter­lein Kwas zapft, jenes schon in der So­wjet­uni­on be­lieb­te rus­si­sche Er­fri­schungs­ge­tränk aus ver­go­re­nem Brot, das an Malz­bier er­in­nert. Es wird aus­schlie­ß­lich Rus­sisch ge­spro­chen. Das Be­mer­kens­wer­te ist, dass die­ses Turk­volk, das zur Za­ren­zeit aus Bul­ga­ri­en ins his­to­ri­sche Bes­sa­ra­bi­en, der heu­ti­gen Re­pu­blik Mol­dau, ein­ge­wan­dert ist, seine ei­ge­ne Spra­che prak­tisch ver­ges­sen hat, ob­wohl sie in der au­to­no­men Re­gi­on Amts­spra­che ist. Das Gag­au­si­sche wird von den Ver­ein­ten Na­tio­nen als „ernst­haft ge­fähr­det“ ge­führt.

In Gag­au­si­en ist die Zen­tra­le in Chișinău fern, der pro­rus­si­sche Olig­arch Ilan Șor hin­ge­gen nah. Șor ist eine der pro­ble­ma­tischs­ten Fi­gu­ren Mol­d­aus. Der 2023 in Ab­we­sen­heit zu 15 Jah­ren Haft ver­ur­teil­te Be­trü­ger war ma­ß­geb­lich in den er­wähn­ten Ban­ken­skan­dal von 2017 ver­wi­ckelt, der die Fun­da­men­te der Wirt­schaft Mol­d­aus er­schüt­ter­te. Er floh nach Is­ra­el und gilt nach wie vor als ein­fluss­rei­cher Strip­pen­zie­her in sei­nem Hei­mat­land. Șor hetzt wei­ter gegen die EU, er be­treibt eine La­den­ket­te, in der Rent­ner ver­bil­ligt Le­bens­mit­tel kau­fen kön­nen, und steckt hin­ter so man­chem pro­rus­si­schem Me­di­um, das gegen den Wes­ten wütet und Wla­di­mir Putin ver­herr­licht. In Gag­au­si­en ist Șors Feld­zug gegen die De­mo­kra­tie und die West­ori­en­tie­rung be­son­ders er­folg­reich. Andrei Curăraru von Watch­dog.md kennt nur zwei Nach­rich­ten-Web­sites in der au­to­no­men Re­gi­on, die nicht von Șor kon­trol­liert wer­den.

Mi­hail Sir­ke­li be­treibt in Gag­au­si­en eine Web­site, die sich nicht vor den rus­si­schen Kar­ren span­nen lässt. „Die Rus­sen sehen uns als Spalt­pilz,“ fin­det er. (Foto: pri­vat)

Eine davon wird von dem Jour­na­lis­ten Mi­hail Sir­ke­li be­trie­ben, der sich nicht ein­schüch­tern lässt. Sein Por­tal „Nokta“ ging aus einer bür­ger­lich-de­mo­kra­ti­schen Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on her­vor, die sich in den eta­blier­ten Me­di­en nicht wie­der­fand und daher selbst eine Web­site auf­mach­te. Sir­ke­li fin­det klare Worte: „Die Gagau­sen spie­len in­ner­halb Mol­d­aus eine de­struk­ti­ve Rolle. Am An­fang wur­den wir als Kir­sche auf der Torte be­trach­tet, weil wir für die er­folg­rei­che Lö­sung eines eth­ni­schen Kon­flikts auf dem Ge­biet der ehe­ma­li­gen So­wjet­uni­on stan­den. In­zwi­schen aber sehen uns die Rus­sen als fünf­te Ko­lon­ne, als Spalt­pilz in­ner­halb des mol­daui­schen Staa­tes. Denn die meis­ten Gagau­sen wün­schen sich die So­wjet­uni­on zu­rück. Sie sind nicht gegen die Staat­lich­keit Mol­d­aus an sich, aber sie wol­len einen mol­daui­schen Staat unter den Fit­ti­chen Russ­lands.“

„Ge­schich­te wird nicht von Völ­kern ge­macht, son­dern von ein­zel­nen Men­schen – von Macht­men­schen wie Wla­di­mir Putin.“ Der das sagt, ist der Grün­dungs­rek­tor der Uni­ver­si­tät Com­rat, Kon­stan­tin Taușanci. Der Wirt­schafts­pro­fes­sor steht mit sei­nen 77 Jah­ren immer noch im Hör­saal, hält Vor­le­sun­gen und kor­ri­giert Stu­di­en­ar­bei­ten. „Die Rente reicht nicht“, stellt er la­pi­dar fest. Dem trotz sei­nes Al­ters kraft­voll wir­ken­den Mann mit dem durch­drin­gen­den Blick haben es die Gagau­sen mit zu ver­dan­ken, dass die Ab­spal­tung der Pro­vinz sei­ner­zeit nicht zu einem Blut­ver­gie­ßen führ­te. Mit dem Ge­ne­ral­se­kre­tär des Obers­ten So­wjets Mol­d­aus und spä­te­rem ers­ten Staats­prä­si­den­ten des Lan­des, Mir­cea Sne­gur, hatte Taușanci als ein Ver­tre­ter Gag­au­si­ens 1990 ein Ab­kom­men aus­ge­han­delt, das einen fried­li­chen Über­gang er­mög­lich­te. Es gab in Gag­au­si­en keine Hun­der­te Tote wie in Trans­nis­tri­en. Die Ak­tio­nen der als Pro­vo­ka­teu­re ins Land ge­kom­me­nen Rus­sen lie­fen dank der Be­son­nen­heit Sne­gurs und Taușancis und ihrer Mit­strei­ter ins Leere.

Im Kon­fe­renz­raum der Uni­ver­si­tät Com­rat hängt ein Por­trät von Kemal Ata­türk. Das ist eine Sel­ten­heit im rus­so­phi­len Gag­au­si­en, wo die Ur­sprün­ge der Gagau­sen als Turk­volk kaum noch eine Rolle spie­len. Der Grün­dungs­rek­tor der Uni­ver­si­tät und Wirt­schafts­pro­fes­sor Kon­stan­tin Taușanci ist eine Aus­nah­me. Er lehnt Russ­land als Schutz­macht ab. (Foto: Ste­phan Pram­me)

Der Pro­fes­sor hat ein Buch dar­über ge­schrie­ben – auf Rus­sisch. Er grämt sich über die Pu­tin­hö­rig­keit sei­ner Mit­bür­ger. „Es gibt immer noch Sta­li­nis­ten bei uns“, schimpft er im Ge­spräch mit loyal. Und fügt hinzu: „Ich er­he­be meine Stim­me gegen Olig­ar­chen wie Ilan Șor, der Gag­au­si­en ge­kauft hat.“ Ge­ra­de ar­bei­tet Taușanci wie­der an einer An­spra­che, so wie 1990, als er mit Ver­nünf­ti­gen auf bei­den Sei­ten den Frie­den ret­te­te. „Un­se­re Schutz­macht ist nicht Russ­land“, in­sis­tiert Taușanci mit fes­ter Stim­me. Nach einem lan­gen Leben für Aus­gleich und Frie­den kann er nicht ver­ste­hen, dass sich die Men­schen in sei­ner Nach­bar­schaft „von 15 rus­si­schen Fern­seh­sen­dern rund um die Uhr den Kopf wa­schen las­sen“. Auch dass nach 30 Jah­ren in Gag­au­si­en nur Rus­sisch ge­spro­chen wird, das Ru­mä­ni­sche eine Fremd­spra­che und Gag­au­sisch dem Un­ter­gang ge­weiht ist, will dem alten Herrn nicht in den Kopf.

Taușanci will in sei­nem Kampf für die Ein­heit nicht auf­ge­ben. „Ich bin Op­ti­mist und setze auf un­se­re Stu­den­ten, auf die jun­gen Men­schen. Ich sage Ihnen: Sorgt dafür, dass Mol­dau Mit­glied der EU wird, dann kom­men wir alle zu­sam­men. Auch mit un­se­ren Nach­barn, den Ukrai­nern. Ich hoffe, dass die Ukrai­ne siegt und ich es noch er­le­be, dass wir uns alle in der EU wie­der­se­hen.“

Weil die Gagau­sen die Staat­lich­keit Mol­d­aus nicht ab­leh­nen, son­dern sich eine an­de­re Form von Staat­lich­keit wün­schen, leis­ten sie kei­nen Wi­der­stand ge­gen­über staat­li­chen In­sti­tu­tio­nen – an­ders als etwa die ser­bi­sche Min­der­heit im Ko­so­vo, deren An­ge­hö­ri­ge sich aus Ab­leh­nung des Staa­tes in der Regel wei­gern, Po­li­zis­ten, Sol­da­ten oder Di­plo­ma­ten zu wer­den. Das ist in Gag­au­si­en an­ders. Die meis­ten Po­li­zis­ten in der au­to­no­men Re­gi­on sind selbst Gagau­sen. Und Gagau­sen tre­ten auch wie selbst­ver­ständ­lich den zwölf­mo­na­ti­gen Grund­wehr­dienst in der mol­daui­schen Armee an oder wer­den sogar Be­rufs­sol­dat.

Mi­li­tä­ri­sches Ze­re­mo­ni­ell im Hof des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums in Chișinău. Ein Pla­kat wirbt für den Dienst in den Streit­kräf­ten. Auch Mol­d­aus Armee hat Nach­wuchs­pro­ble­me. (Foto: Ste­phan Pram­me)

Die Streit­kräf­te um­fas­sen knapp 5.200 Sol­da­ten sowie zu­sätz­lich 58.000 ak­ti­ve Re­ser­vis­ten. Es gibt zwei Teil­streit­kräf­te: das Heer mit 1.300 Be­rufs­sol­da­ten und 1.950 Wehr­pflich­ti­gen sowie eine Luft­waf­fe mit 350 Be­rufs­sol­da­ten und 250 Wehr­pflich­ti­gen. Der Wehr­dienst be­trägt zwölf Mo­na­te für Män­ner. Frau­en kön­nen frei­wil­lig in der Armee die­nen; der Frau­en­an­teil be­trägt 22 Pro­zent. Zum Ver­gleich: In der Bun­des­wehr liegt er bei 13 Pro­zent. Eine 900 Mann star­ke pa­ra­mi­li­tä­ri­sche Trup­pe, die Gen­dar­me­rie, un­ter­steht dem In­nen­mi­nis­te­ri­um. Der Rest dient in der Wehr­ver­wal­tung. Zur Aus­rüs­tung der Streit­kräf­te ge­hö­ren Rad- und Schüt­zen­pan­zer, Hau­bit­zen, Feld­ka­no­nen, Ra­ke­ten- und Gra­nat­wer­fer so­wje­ti­scher Bau­art, 80 ru­mä­ni­sche Schüt­zen­pan­zer vom Typ TAB-71 und 19 schwei­ze­ri­sche Pi­ran­ha-Rad­pan­zer sowie 41 ame­ri­ka­ni­sche Hum­vees. Die Luft­waf­fe ver­fügt le­dig­lich über ein Trans­port­flug­zeug vom Typ An­to­now An-26 und zwei so­wje­ti­sche Mehr­zweck­hub­schrau­ber. Ende der 1990er-Jahre hat­ten die USA Mol­dau die ge­sam­te MiG-29-Flot­te ab­ge­kauft, ins­ge­samt 21 Ex­em­pla­re, damit diese Ma­schi­nen nicht in fal­sche Hände ge­rie­ten. Da­mals in­ter­es­sier­te sich der Iran für die Flug­zeu­ge.

In der Ver­fas­sung der Re­pu­blik Mol­dau ist Neu­tra­li­tät fest­ge­schrie­ben. Der mol­daui­sche Bot­schaf­ter in Ber­lin, Au­re­liu Cio­coi, sagte im Juli ver­gan­ge­nen Jah­res im loyal-In­ter­view, dass sein Land un­mit­tel­bar nach dem rus­si­schen Über­fall auf die Ukrai­ne im Fe­bru­ar 2022 in gro­ßer Ge­fahr ge­we­sen sei. „Alle Ex­per­ten waren sich da­mals einig, dass Kyjiw in ma­xi­mal zwei Wo­chen fällt, und dann wäre der Weg nach Chișinău frei ge­we­sen. Die ukrai­ni­sche Armee hat einen fan­tas­ti­schen Wi­der­stand ge­leis­tet. Dass heute in der Re­pu­blik Mol­dau noch immer Frie­den herrscht, haben wir auch den ukrai­ni­schen Sol­da­ten zu ver­dan­ken, die ihr Land – aber auch un­se­res und ganz Eu­ro­pa – tap­fer ver­tei­di­gen.“

Ein Jahr spä­ter nach die­ser Aus­sa­ge fragt man sich in Eu­ro­pa: Wie lange noch? Ak­tu­ell ist die mi­li­tä­ri­sche Si­tua­ti­on in der Ukrai­ne pre­kär. Was pas­siert, wenn die Ukrai­ne fällt? Mol­dau wäre dann, davon gehen alle Be­ob­ach­ter aus, das nächs­te Fres­sen in Pu­tins im­pe­ria­lis­ti­schem Hun­ger. Und eine leich­te Beute dazu, denn es ge­hört nicht zur NATO. Dabei ist Mol­dau nach der Ukrai­ne die zwei­te Ver­tei­di­gungs­li­nie Eu­ro­pas. Doch ist die Ver­pflich­tung zur Neu­tra­li­tät nicht im Grun­de ge­nom­men eine Ein­la­dung an Russ­land – und damit eine le­bens­be­droh­li­che Ge­fahr?

Ana­to­lie Nosatîi, Jahr­gang 1972, ist Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter der Re­pu­blik Mol­dau. Bevor er in die Po­li­tik ging, war er Be­rufs­sol­dat. Er wurde unter an­de­rem an der Mi­li­tär­aka­de­mie in Odes­sa und in den USA aus­ge­bil­det. Kurze Zeit ar­bei­te­te er auch als Mi­li­tär­be­ra­ter für die Ver­ein­ten Na­tio­nen. Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter wurde er 2021. (Foto: Ste­phan Pram­me)

Der mol­daui­sche Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ana­to­lie Nosatîi wi­der­spricht: „Trotz Neu­tra­li­tät sind wir nicht iso­liert. Im Ge­gen­teil, sie be­deu­tet Zu­sam­men­ar­beit mit einer Viel­zahl von Staa­ten, die uns un­ter­stüt­zen. Wir sind ein­ge­bun­den in eine in­ten­si­ve in­ter­na­tio­na­le Zu­sam­men­ar­beit – es gibt stra­te­gi­sche Part­ner und gute Freun­de. Nicht zu­letzt Deutsch­land un­ter­stützt uns bei der Mo­der­ni­sie­rung un­se­rer Armee.“ Wie weit diese Un­ter­stüt­zung geht, woll­te eine Spre­che­rin des Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums auf loyal-Nach­fra­ge nicht sagen. Im­mer­hin so viel: Deutsch­land fi­nan­ziert die Be­schaf­fung der Schüt­zen­pan­zer vom Typ Pi­ran­ha und hilft bei der Luft­ver­tei­di­gung. Im Rah­men des NATO-Pro­gramms Part­ner­ship for Peace neh­men mol­daui­sche Sol­da­ten an Lehr­gän­gen und Übun­gen in Deutsch­land teil.

Nosatîi be­tont im Ge­spräch mit loyal, dass das Ge­sche­hen auf dem ukrai­ni­schen Kriegs­schau­platz von ent­schei­den­der Rolle für sein Land sei. „Die rus­si­schen Trup­pen sind zwar weit weg von un­se­rem Ter­ri­to­ri­um, es be­steht keine akute Ge­fahr für uns. Je bes­ser die Ukrai­ne sich aber ver­tei­digt, desto ver­hal­te­ner ist die rus­si­sche Pro­pa­gan­da bei uns.“ Im Üb­ri­gen wer­te­ten die mol­daui­schen Mi­li­tärs die Er­kennt­nis­se aus dem Krieg in der Ukrai­ne per­ma­nent aus und lie­ßen sie in die Aus­bil­dung ein­flie­ßen.

Trotz Wehr­pflicht steht die mol­daui­sche Armee vor der Her­aus­for­de­rung, ge­nü­gend Be­rufs­sol­da­ten zu fin­den, auch wenn die Trup­pe, wie Mi­nis­ter Nosatîi sagt, auf der „Top-Liste des Ver­trau­ens bei den Bür­gern“ steht. In Mol­dau wirbt man Be­rufs­sol­da­ten mit der Aus­sicht auf eine Pen­si­on nach 25 Dienst­jah­ren an. Wer also mit 20 zur Armee geht, schei­det mit 45 aus und kann sich be­ruf­lich – halb­wegs ab­ge­si­chert durch den Staat – noch etwas auf­bau­en. Von die­ser Mög­lich­keit hat sich Anton Co­non­ciuc lo­cken las­sen. loyal traf den Ser­gean­ten 2. Klas­se auf dem grö­ß­ten Trup­pen­übungs­platz des Lan­des bei Bul­boaca, süd­west­lich von Chișinău. Co­non­ciuc bil­det hier Sol­da­ten aus, die sich auf einen Aus­lands­ein­satz vor­be­rei­ten. Denn auch das ge­hört dazu: Die Armee des klei­nen Lan­des stellt re­gel­mä­ßig Kon­tin­gen­te für UN-Ein­sät­ze. Mol­daui­sche Sol­da­ten sind bei MI­NU­S­CA in der Zen­tral­afri­ka­ni­schen Re­pu­blik dabei, bei UN­MISS im Süd-Sudan, bei UNI­FIL im Li­ba­non und bei UNMIK im Ko­so­vo. In Bul­boaca ler­nen sie Riot Con­t­rol, das Schan­zen von Stel­lun­gen und das Leben im Feld.

Artur Obo­roc und seine Ka­me­ra­den üben in Bul­boaca das Aus­he­ben von Schüt­zen­stel­lun­gen. (Foto: Ste­phan Pram­me)

Der 43 Jahre alte Co­non­ciuc dürf­te ein Sol­dat sein, wie ihn sein Mi­nis­ter sich wünscht. 1999 hat er sei­nen Wehr­dienst ab­sol­viert und da­nach „etwas an­de­res“ ge­macht – was, das möch­te er nicht sagen. Je­den­falls ist er 2015 als Wie­der­ein­stei­ger in die Armee zu­rück­ge­kehrt und macht nun Kar­rie­re als Un­ter­of­fi­zier. Dabei kommt er rum: Er war schon je­weils ein hal­bes Jahr im Ko­so­vo und im Li­ba­non – und ein­mal auch in Deutsch­land zur Aus­bil­dung, auf dem Übungs­platz Ho­hen­fels bei Re­gens­burg.

Den Wehr­pflich­ti­gen Artur Obo­roc, vom Dienst­grad her Sol­dat 3. Klas­se, wird es hin­ge­gen nicht dau­er­haft zur Armee zie­hen. Er leis­tet seit Ja­nu­ar sei­nen Wehr­dienst ab und ist schon das zwei­te Mal in Bul­boaca zur Aus­bil­dung. „Ich habe viel ent­deckt, was ich vor­her nicht kann­te: schie­ßen, sin­gen, mar­schie­ren“, sagt der 21-Jäh­ri­ge, lässt aber nicht durch­bli­cken, ob er das gut oder nicht so gut fin­det. Er ist be­geis­ter­ter Ju­do­ka und möch­te nach der Armee auf die­ser Schie­ne wei­ter­ma­chen. Sei­nen Wunsch für die ver­blei­ben­den Mo­na­te bei der Armee äu­ßert er mit dem Schalk im Na­cken: „Ohne Ver­stö­ße durch die Zeit kom­men.“

Viele junge Men­schen wie er bli­cken nach Eu­ro­pa, von dem sie sich eine at­trak­ti­ve­re Zu­kunft ver­spre­chen als in einer Welt unter rus­si­scher Knute. Der Ge­ne­ral­se­kre­tär des mol­daui­schen Ju­gend­rats, einer Dach­or­ga­ni­sa­ti­on von 36 Ju­gend­or­ga­ni­sa­tio­nen, Roman Ba­na­ri, sagt im Ge­spräch mit loyal, dass viele junge Men­schen trotz rus­si­scher Pro­pa­gan­da lie­ber in den Wes­ten woll­ten als nach Mos­kau. Er würde sich al­ler­dings mehr po­li­ti­sches En­ga­ge­ment der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on in die­ser Rich­tung wün­schen. „Man­geln­des In­ter­es­se an Po­li­tik führt dazu, dass bei uns zu viel über Ju­gend­li­che als mit Ju­gend­li­chen ge­spro­chen wird“, klagt er. Ba­na­ri fürch­tet, dass am 20. Ok­to­ber nicht ge­nü­gend junge Men­schen zur Wahl gehen, die für ihre per­sön­li­che Zu­kunft doch so wich­tig sei.

Sie ste­hen für die west­lich ori­en­tier­te Ju­gend Mol­d­aus (v.l.n.r): Roman Ba­na­ri, Ana Teisa­nu und Mi­hail Pei­cov. (Foto: Ste­phan Pram­me)

Für Ana Teisa­nu ist es hin­ge­gen eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, zu wäh­len. „Wir müs­sen deut­lich ma­chen, wel­che Vor­tei­le die EU für uns und unser Land bringt“, sagt die 20-Jäh­ri­ge, die in Chișinău In­ter­na­tio­na­le Be­zie­hun­gen stu­diert. Ihr Traum ist es, in den di­plo­ma­ti­schen Dienst ihres Lan­des ein­zu­tre­ten und die Re­pu­blik Mol­dau eines Tages als Bot­schaf­te­rin in Tokio zu ver­tre­ten. Ja­pa­nisch lernt sie schon.

Und selbst in der russ­land­freund­li­chen au­to­no­men Re­gi­on Gag­au­si­en seien die Dinge nicht so klar, wie sie nach außen schei­nen, meint Mi­hail Pei­cov (23), selbst Gagau­se und seit sei­nem Stu­di­um im Büro für na­tio­na­le Min­der­hei­ten tätig. „Die Ju­gend in Gag­au­si­en ist in Wahr­heit für Eu­ro­pa, nicht für Putin“, sagt er. „Nur spricht sie nicht dar­über. Wer sich in der Fa­mi­lie offen zu Eu­ro­pa be­kennt, wird von den ei­ge­nen El­tern oder Gro­ß­el­tern ver­ach­tet. Der so­zia­le Druck ist ge­wal­tig. Auch die rus­sisch ori­en­tier­ten Leh­rer wir­ken mas­siv auf Kin­der und Ju­gend­li­che ein.“

So be­rich­tet Pei­cov von dem os­car­prä­mier­ten Do­ku­men­tar­film „20 Tage in Ma­ri­u­pol“, der von den Gräu­el­ta­ten der rus­si­schen Be­sat­zer in der ost­ukrai­ni­schen Stadt han­delt. Der Film wurde auch in Kinos in Gag­au­si­en ge­zeigt – vor fast lee­ren Rän­gen. Nur eine Hand­voll Ju­gend­li­cher hätte ihn sich an­ge­se­hen. Pei­cov: „Die meis­ten Schü­ler haben sich nicht in den Film ge­traut, weil ihnen put­in­freund­li­che Leh­rer ge­droht haben: ‚Wenn ich dich in die­sem Film sehe, kannst Du was er­le­ben.‘“

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